Zwei Freunde, zwei Geburtstage, die nur zwei Tage auseinanderliegen – und die verwegene Idee, das nicht daheim bei Kuchen und Kerzen zu begehen, sondern dort, wo der Gardasee sich schmal in eine Halbinsel schiebt und die alten Steine bis ins Wasser reichen. Filip feiert am 26. Mai, ich am 28. Und irgendwann war klar: Das gehört zusammengelegt, und zwar in Sirmione.
Die Anreise – auf Schienen nach Süden
Los ging es auf die zivilisierteste Art, die ich kenne: mit dem Zug. Von zu Hause mit der SBB bis Mailand, dann drüben auf den Trenitalia gewechselt und weiter Richtung Gardasee. Vier Länder-Stunden lang zieht die Landschaft am Fenster vorbei, die Alpen kippen von schroff zu sanft, und irgendwann ahnst du das Wasser schon, bevor du es siehst.


In Mailand blieb sogar Zeit für ein erstes italienisches Mittagessen – eine Pizza und ein Aufschnittbrett, dazu ein kühles Bier –, bevor uns der Trenitalia weiter an den See brachte.

Kaum angekommen in Sirmione, bezogen wir unser Airbnb, warfen die Koffer in die Ecke und taten das einzig Richtige: Wir liessen den Ort auf uns zukommen. Durch die Gassen geschlendert, bis uns ein Restaurant einfing, das genau richtig aussah. Eine Pizza, ein Rindsfilet – der erste Abend am See will schliesslich standesgemäss eingeläutet werden.

Und dann kam der Moment, in dem sich die ganze Reise schon gelohnt hatte, bevor sie richtig begonnen hatte. Wir spazierten der Küste entlang, satt und zufrieden, und vor uns tauchte ein Sonnenuntergang auf, wie ihn kein Bildschirm je einfängt: Der See lag da wie flüssiges Kupfer, der Himmel brannte langsam aus, und wir sagten eine Weile gar nichts.


Mein Geburtstag – ein Flakon auf dem Esstisch
Am nächsten Morgen war ich ein Jahr älter. Und Filip hatte, während ich noch schlief, ein Geschenk auf den Esstisch gestellt: einen Flakon Xerjoff – einer dieser Düfte, die ich wirklich liebe. Aufgetragen, bevor der Kaffee kalt wurde, und so roch dieser Tag von der ersten Minute an nach Feier.
Der Tag gehörte ganz dem Erkunden. Wir nahmen uns die Halbinsel vor, besuchten das Castello Scaligero, die trutzige Wasserburg, deren Zinnen sich seit dem Mittelalter im Hafenbecken spiegeln, und liefen kreuz und quer durch das Gassengewirr, bis wir uns ein Bild vom ganzen schmalen Zipfel Land gemacht hatten.


Dabei stolperten wir über einen Bootsverleih – und der pflanzte uns sofort einen Plan in den Kopf: Morgen mieten wir uns ein Boot. Den Rest des Tages verbrachten wir mit gutem Essen und dem Schmieden von Plänen. Am Abend zog es uns zurück auf den Balkon. Eine gute Zigarre, Musik, ein Glas Wein – und darunter der See, der langsam die Lichter der gegenüberliegenden Ufer einsammelte.


Der grosse Tag auf dem Wasser
Der Bootstag begann unromantisch, aber vorausschauend: erst in den Supermarkt. Bier, etwas zu essen, Wasser und – die vielleicht beste Investition des Tages – eine Kühltasche. Frisch ausgerüstet marschierten wir zum Bootsverleih, hörten uns die Instruktionen an, und dann gehörte uns für einen Tag ein kleines Boot und der grösste See Italiens.

Wir tuckerten los und steuerten Bardolino an. Der Hunger meldete sich prompt, also kehrten wir in ein kleines Restaurant im Ort ein. Dann wieder an Bord – und hinaus auf den See, der lebte: Fähren zogen ihre Bahnen, Segelboote lehnten sich in den Wind, die eine oder andere Yacht glitt vorbei.

Das Highlight aber trug einen Namen: die Isola del Garda. Eine kleine private Insel, auf der ein schlossartiges, neugotisches Anwesen thront – aus der Ferne wie aus einem Märchenbuch. Und als wir vorbeizogen, sahen wir es: Oben fand eine Hochzeit statt. Eine schönere Kulisse, um Ja zu sagen, muss man lange suchen. Kurz vor der Insel legten wir an und tauchten einmal in den Gardasee ein.

Weiter nordwärts glitten wir, vorbei an Maderno und Pulciano, ehe wir bei Castelletto die Seite wechselten und gemächlich die andere Uferlinie hinunterfuhren. Kein Hetzen, kein Motor am Anschlag. Nur wir, die Küste, die vorbeizog.

Als Petrus mitspielte
Ein Wort zum Wetter, denn es war fast durchweg ein Verbündeter: Frühsommer, wie er im Buche steht, Temperaturen zwischen 29 und 34 °C. Nur an einem der Abende schob sich ein kleines Gewitter über den Gardasee. Doch das Timing war auf unserer Seite: Genau als es losbrach, hatten wir an einem kleinen Strandbad Unterschlupf gefunden. Ein Bier, ein paar Snacks – und dann genossen wir das Schauspiel, das Petrus über dem See aufführte.

Der Abschied – und ein Koffer voller Italien
Der letzte Tag war ein sanftes Ausklingen. Etwas Sightseeing, ein paar Souvenirs, ein gemütliches Mittagessen – und dann ab zum Bahnhof, zurück Richtung Mailand. Dort hatten wir noch ein Zeitfenster bis zum Zug nach Zürich. Und was tut man in Mailand mit ein paar Stunden Hunger? Genau: noch einmal eine traditionelle Pizza, und wieder eine ausgezeichnete.

Im Einkaufszentrum deckte ich mich mit italienischen Spezialitäten ein – Käse, luftgetrockneter Schinken, Bresaola. Nur die Heimreise zeigte sich zickig: Unser Zug traf mit Verspätung ein, und so verliessen wir Milano Centrale erst rund eine Stunde nach Plan. Aber wenn das der grösste Wermutstropfen von vier Tagen ist, dann hat man alles richtig gemacht.
Was bleibt
Am Ende bleibt dieses satte Gefühl, das gute Reisen hinterlassen. Die Freundlichkeit der Leute, das hervorragende Essen, die Aussichten, das Wetter, das mitspielte – und ein ganzer Tag auf dem Wasser, der sich anfühlte, als hätten wir den See für uns gepachtet. Ich komme wieder, so viel ist sicher – dann vielleicht von einem anderen Ort aus, einfach um dem grossen Wasser eine neue Seite abzugewinnen.