Es gibt entspanntere Arten, in die Ferien zu starten, als sich zwei Stunden nach der Landung eine Nadel in den Oberarm rammen zu lassen. Ich habe es trotzdem gemacht. Freiwillig, geplant und mit einer Vorfreude, die ich dir schwer erklären kann.
Juni 2025, Barcelona. Der offizielle Grund: eine Auszeit. Der inoffizielle: mein Arm. Der war damals halb fertig, und – kleiner Spoiler – er ist es heute immer noch. Manche Projekte darf man in Ruhe wachsen lassen.
Donnerstag: der frühe Vogel fängt die Nadel
Mein Flug ging um 07.30 Uhr ab Zürich. Wer schon einmal von Wallisellen aus einen solchen Slot erwischt hat, weiss: Das ist keine Abreise, das ist eine Nachtschicht mit Boarding-Pass. Immerhin hatte ich am Vorabend eingecheckt und das Gepäck bereits aufgegeben, sodass ich am Morgen speditiv durch die Passkontrolle rauschen konnte, während neben mir halbe Familien noch Koffer auf Waagen wuchteten. Manchmal ist Planung die schönste Form von Faulheit.

Um 09.20 Uhr setzte die Maschine in Barcelona auf. Mein Hotel lag direkt am Hafen, beim Kolumbus-Kreisel: fünf Sterne, zu einem Preis, bei dem ich zweimal hinschauen musste, ob die Buchung stimmt. Sie stimmte. Grosses Zimmer, ein Bad, in dem man hätte tanzen können, und aus dem Fenster der Hafen mit seinem Gewimmel aus Masten, Kränen und Booten, die alle so taten, als hätten sie es nie eilig.

Zeit zum Ankommen blieb keine. Um halb elf stand ich beim Tätowierer, begrüsste ihn, und keine zwanzig Minuten später summte die Maschine. Der Rest des Tages verschwand in diesem eigenartigen Zustand zwischen Schmerz und Trance, den nur kennt, wer schon länger unter der Nadel gelegen hat. Gegen 16.30 Uhr war Feierabend für den Arm.

Zurück ins Hotel, duschen, umziehen – und raus. Ich lief die grosse Promenade ab, diese schier endlose Achse, an der sich Barcelona selbst zur Schau stellt, und machte mir ein erstes Bild: Wo esse ich, wo kaufe ich Wasser, wo will ich morgen wieder hin.

Hängen geblieben bin ich in einem kleinen spanischen Lokal. Jamón und Queso, dazu ein paar Löffel Paella und ein Glas Rotwein, der schwer und warm war wie der Abend selbst.

Danach noch ein Schlummertrunk im Hotel und ab ins Bett. Denn am nächsten Tag wartete Runde zwei.
Freitag: das letzte Summen
Bis 14.30 Uhr lag ich wieder unter der Nadel. Kurze Pause fürs Mittagessen, dann retournierte ich für den Feinschliff – jene letzten Linien, bei denen man das Gefühl hat, der Tätowierer arbeite nur noch aus Prinzip weiter. Und dann war es geschafft. Der Arm sass, so weit man das bei einem Werk sagen kann, das offiziell noch nicht abgeschlossen ist.
Ich gönnte mir das volle Programm: Hotel, Dusche, Powernap bis 20.00 Uhr. Wer sich stundenlang hat stechen lassen, wird das verstehen. Danach in die Innenstadt, ausgiebig essen und endlich in diesen Ferienmodus kippen, in dem der Kopf begreift, dass ab jetzt nichts mehr auf dem Plan steht, was wehtut.


Um 23.30 Uhr war ich zurück im Hotel. Müde, vollgegessen, glücklich. Und mit dem angenehmen Wissen, dass die Stadt ab morgen mir gehörte.

Samstag: Barcelona in Stein gelesen
Ich hatte mir eine geführte Architekturtour gebucht, einen halben Tag lang. Und ich sage dir: Es macht einen Unterschied, ob du an einer Fassade vorbeiläufst oder ob dir jemand erklärt, warum genau diese Fassade so aussieht und nicht anders. Gotik, Kunst, Stadtgeschichte – auf einmal liest sich Barcelona wie ein Text, der Jahrhunderte gebraucht hat, bis er fertig geschrieben war.

Drinnen kippt der Kopf in den Nacken und bleibt dort. Die Rippen des Gewölbes laufen zusammen wie das Geäst eines Waldes, den jemand in Stein nachgebaut hat – nur eben ein paar Jahrhunderte vor Gaudí.


Auf diesem kleinen Platz wird es still, und das liegt nicht an der Akustik. Kein Schild, keine Inszenierung – die Stadt lässt die Löcher in der Wand einfach stehen und überlässt dir den Rest.

Danach der Palau de la Música: ein Konzerthaus, das aussieht, als hätte jemand einen Blumenstrauss zum Bauwerk erklärt. Bernsteinfarbene Glassäulen, Mosaik bis in den letzten Winkel – Jugendstil, der sich nicht entscheiden kann und deshalb einfach alles nimmt.

Kurz nach der Mittagspause endete die Tour. Ich hatte noch Hunger. Auf Architektur, meine ich.


Also weiter zur Sagrada Família. Man kann über sie sagen, was man will – die halbe Welt hat sie schon fotografiert –, aber wenn du davorstehst, kippt der Kopf ganz von allein in den Nacken. Das Ding ist keine Kirche, das ist ein versteinerter Wald, den jemand vergessen hat fertig zu bauen.
Drinnen wird aus dem Bild dann Ernst. Die Säulen verzweigen sich über dir wie Baumkronen, und durch die Fenster fällt das Licht in Farben, die keine Fassade der Welt ankündigt: auf der einen Seite Blau und Grün, kühl wie Wasser, auf der anderen Orange und Rot, als würde die Wand langsam glühen. Es liegt auf dem Boden, auf den Bänken, auf den Leuten, und wandert im Lauf des Tages weiter. Ich habe eine ganze Weile einfach dagestanden und geschaut. Bis dir klar wird, warum sie an diesem Bau seit über hundert Jahren weitermachen.


Und weil ich mir den Tag einmal richtig einteilen wollte, folgte zum Abschluss der Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe. Nach Gaudís Überschwang wirkt der wie ein tiefer Atemzug: ein flaches Dach, eine Wand aus Onyx, ein Wasserbecken, in dem sich alles noch einmal spiegelt.



Zwei Extreme derselben Stadt, an einem einzigen Nachmittag. Besser lässt sich Barcelona kaum zusammenfassen.
Sonntag: allein auf den Montserrat
Am vierten Tag zog es mich raus aus der Stadt, hinauf auf den Montserrat. Solo, ohne Gruppe, ohne Zeitplan – nur ich und ein Berg, dessen zerklüftete Felsnadeln aussehen, als hätte jemand eine Orgel aus Stein gebaut und dann vergessen, sie zu stimmen.

Ich bin weitgehend zu Fuss hoch. Und irgendwo unterwegs, zwischen Schweiss und Aussicht, kam der Moment, für den man solche Umwege macht: Unter mir lag das Tal im Dunst, über mir kreisten die Vögel, und um mich herum war es so still, dass ich das eigene Blut hören konnte.
Oben stehen Häuser, in denen früher Nonnen und Mönche lebten. Heute dienen sie als Museum. Es hat etwas Eigenartiges, durch Räume zu gehen, die für ein Leben in Abgeschiedenheit gebaut wurden – und in denen heute Leute wie ich mit Wanderschuhen und Wasserflasche herumstehen.
Zurück in Barcelona liess ich den Tag auf einer Rooftop-Bar ausklingen. Etwas zu essen, die Stadt unter mir, das Licht langsam warm werdend. Man muss die guten Abende nicht immer kompliziert machen.
Flamenco, menschliche Türme und ein letzter Blick aufs Meer
Einen Abend hatte ich mir für etwas Traditionelles reserviert: eine Flamenco-Show im Tablao de Carmen, kombiniert mit einem hervorragenden Abendessen und passender Weinbegleitung. Flamenco live ist etwas anderes, als du erwartest. Das ist kein hübscher Tanz mit Kastagnetten, das ist kontrollierte Wut. Absätze, die den Boden bearbeiten wie ein Handwerker sein Werkstück, und eine Stimme, die klingt, als hätte sie schon zu viel gesehen.

Dazu kam ein Glücksfall, den man nicht buchen kann: Ich geriet zufällig in eine Vorführung der Castellers, dieser menschlichen Türme, für die Katalonien berühmt ist. Menschen klettern auf Menschen, Reihe um Reihe, bis zuoberst ein Kind hinaufsteigt und die Hand hebt. Der ganze Platz hält die Luft an. Ich auch.

Für den letzten Tag blieb mir ein halber. Gepackt hatte ich frühmorgens, um 12.00 Uhr checkte ich pünktlich aus und liess die Koffer im Hotel zwischenlagern – mein Flug ging erst am späten Abend. Also nutzte ich die geschenkten Stunden für Souvenirs und für jene Ecken, die ich bis dahin ausgelassen hatte. Zwei, drei Stunden ziellos durch Gassen laufen, ohne etwas abhaken zu müssen: Das ist vielleicht die ehrlichste Art, eine Stadt kennenzulernen.



Den Schluss machte ich am Strand. Sand, Meer, und dieses leise Bedauern, das sich immer dann meldet, wenn eine Reise gut war.
Barcelona hat mir beides gezeigt: das Moderne und das Traditionelle, den Beton und den Flamenco, Mies van der Rohe und die Mönchszellen auf dem Berg. Und dazu einen Arm, der ein Stück fertiger ist als vorher.
Nur eben – noch nicht ganz. Aber das ist ja der Grund, wiederzukommen.