Dave Frehner
Fünf Tage Barcelona – Nadel, Gotik und ein Berg voller leerer Mönchszellen
№ 01 · Juni 2025

Fünf Tage Barcelona – Nadel, Gotik und ein Berg voller leerer Mönchszellen

Zwei Sitzungen unter der Nadel, ein halbes Jahrtausend Architektur und ein Kloster über den Wolken.

Es gibt entspanntere Arten, in die Ferien zu starten, als sich zwei Stunden nach der Landung eine Nadel in den Oberarm rammen zu lassen. Ich habe es trotzdem gemacht. Freiwillig, geplant und mit einer Vorfreude, die ich dir schwer erklären kann.

Juni 2025, Barcelona. Der offizielle Grund: eine Auszeit. Der inoffizielle: mein Arm. Der war damals halb fertig, und – kleiner Spoiler – er ist es heute immer noch. Manche Projekte darf man in Ruhe wachsen lassen.

Donnerstag: der frühe Vogel fängt die Nadel

Mein Flug ging um 07.30 Uhr ab Zürich. Wer schon einmal von Wallisellen aus einen solchen Slot erwischt hat, weiss: Das ist keine Abreise, das ist eine Nachtschicht mit Boarding-Pass. Immerhin hatte ich am Vorabend eingecheckt und das Gepäck bereits aufgegeben, sodass ich am Morgen speditiv durch die Passkontrolle rauschen konnte, während neben mir halbe Familien noch Koffer auf Waagen wuchteten. Manchmal ist Planung die schönste Form von Faulheit.

Menschenleerer Flughafenzug am frühen Morgen, in Schwarzweiss
Diese Stunde, in der die ganze Welt noch schläft.

Um 09.20 Uhr setzte die Maschine in Barcelona auf. Mein Hotel lag direkt am Hafen, beim Kolumbus-Kreisel: fünf Sterne, zu einem Preis, bei dem ich zweimal hinschauen musste, ob die Buchung stimmt. Sie stimmte. Grosses Zimmer, ein Bad, in dem man hätte tanzen können, und aus dem Fenster der Hafen mit seinem Gewimmel aus Masten, Kränen und Booten, die alle so taten, als hätten sie es nie eilig.

Das historische Hafengebäude Port de Barcelona mit Palmen davor
Port de Barcelona, gleich um die Ecke.

Zeit zum Ankommen blieb keine. Um halb elf stand ich beim Tätowierer, begrüsste ihn, und keine zwanzig Minuten später summte die Maschine. Der Rest des Tages verschwand in diesem eigenartigen Zustand zwischen Schmerz und Trance, den nur kennt, wer schon länger unter der Nadel gelegen hat. Gegen 16.30 Uhr war Feierabend für den Arm.

Dave mit frisch tätowiertem Arm, angelehnt an eine Nietentür
Feierabend für den Arm. Der Rest des Tages gehört wieder mir.

Zurück ins Hotel, duschen, umziehen – und raus. Ich lief die grosse Promenade ab, diese schier endlose Achse, an der sich Barcelona selbst zur Schau stellt, und machte mir ein erstes Bild: Wo esse ich, wo kaufe ich Wasser, wo will ich morgen wieder hin.

Seilbahn über dem Hafenbecken, davor Palmen und Segelboote
Masten, Kräne, Boote – und darüber die Seilbahn.

Hängen geblieben bin ich in einem kleinen spanischen Lokal. Jamón und Queso, dazu ein paar Löffel Paella und ein Glas Rotwein, der schwer und warm war wie der Abend selbst.

Sonnenuntergang über der Hafenpromenade mit Palmen
Erster Abend, und die Stadt legt gleich vor.

Danach noch ein Schlummertrunk im Hotel und ab ins Bett. Denn am nächsten Tag wartete Runde zwei.

Freitag: das letzte Summen

Bis 14.30 Uhr lag ich wieder unter der Nadel. Kurze Pause fürs Mittagessen, dann retournierte ich für den Feinschliff – jene letzten Linien, bei denen man das Gefühl hat, der Tätowierer arbeite nur noch aus Prinzip weiter. Und dann war es geschafft. Der Arm sass, so weit man das bei einem Werk sagen kann, das offiziell noch nicht abgeschlossen ist.

Ich gönnte mir das volle Programm: Hotel, Dusche, Powernap bis 20.00 Uhr. Wer sich stundenlang hat stechen lassen, wird das verstehen. Danach in die Innenstadt, ausgiebig essen und endlich in diesen Ferienmodus kippen, in dem der Kopf begreift, dass ab jetzt nichts mehr auf dem Plan steht, was wehtut.

Die Rambla mit Passanten unter Bäumen
Die grosse Achse, abends noch belebter.
Casa Bruno Cuadros mit einem chinesischen Drachen und Schirmen an der Fassade
Ein Drache, der seit 1883 über die Rambla wacht.

Um 23.30 Uhr war ich zurück im Hotel. Müde, vollgegessen, glücklich. Und mit dem angenehmen Wissen, dass die Stadt ab morgen mir gehörte.

Ein Glas Rotwein auf einem Tisch an einem mittelalterlichen Platz
Der Abend, auf ein Glas heruntergebrochen.

Samstag: Barcelona in Stein gelesen

Ich hatte mir eine geführte Architekturtour gebucht, einen halben Tag lang. Und ich sage dir: Es macht einen Unterschied, ob du an einer Fassade vorbeiläufst oder ob dir jemand erklärt, warum genau diese Fassade so aussieht und nicht anders. Gotik, Kunst, Stadtgeschichte – auf einmal liest sich Barcelona wie ein Text, der Jahrhunderte gebraucht hat, bis er fertig geschrieben war.

Die Kathedrale von Barcelona, die Sonne blitzt zwischen den Türmen hervor
Die Kathedrale, für einen Moment ganz für mich allein.

Drinnen kippt der Kopf in den Nacken und bleibt dort. Die Rippen des Gewölbes laufen zusammen wie das Geäst eines Waldes, den jemand in Stein nachgebaut hat – nur eben ein paar Jahrhunderte vor Gaudí.

Kreuzrippengewölbe von unten fotografiert, in Schwarzweiss
Kreuzrippen, von unten gelesen.
Fassade an der Plaça de Sant Felip Neri mit Einschusslöchern
Plaça de Sant Felip Neri. Die Narben sind aus dem Bürgerkrieg.

Auf diesem kleinen Platz wird es still, und das liegt nicht an der Akustik. Kein Schild, keine Inszenierung – die Stadt lässt die Löcher in der Wand einfach stehen und überlässt dir den Rest.

Der Picasso-Fries am Architektenkolleg gegenüber der Kathedrale
Picasso, direkt gegenüber der Gotik. Barcelona macht solche Witze gern.

Danach der Palau de la Música: ein Konzerthaus, das aussieht, als hätte jemand einen Blumenstrauss zum Bauwerk erklärt. Bernsteinfarbene Glassäulen, Mosaik bis in den letzten Winkel – Jugendstil, der sich nicht entscheiden kann und deshalb einfach alles nimmt.

Treppenhaus im Palau de la Música mit bernsteinfarbenen Glassäulen
Palau de la Música. Selbst das Treppenhaus spielt mit.

Kurz nach der Mittagspause endete die Tour. Ich hatte noch Hunger. Auf Architektur, meine ich.

Die Fassade der Casa Batlló mit roten Rosen im Vordergrund
Casa Batlló, in der Stadt auch «Haus der Knochen» genannt.
Modernisme-Fassade mit geschwungenem Giebel und floraler Steinschnitzerei
Nicht von Gaudí, aber derselbe Geist: Wellen statt Geraden.

Also weiter zur Sagrada Família. Man kann über sie sagen, was man will – die halbe Welt hat sie schon fotografiert –, aber wenn du davorstehst, kippt der Kopf ganz von allein in den Nacken. Das Ding ist keine Kirche, das ist ein versteinerter Wald, den jemand vergessen hat fertig zu bauen.

Drinnen wird aus dem Bild dann Ernst. Die Säulen verzweigen sich über dir wie Baumkronen, und durch die Fenster fällt das Licht in Farben, die keine Fassade der Welt ankündigt: auf der einen Seite Blau und Grün, kühl wie Wasser, auf der anderen Orange und Rot, als würde die Wand langsam glühen. Es liegt auf dem Boden, auf den Bänken, auf den Leuten, und wandert im Lauf des Tages weiter. Ich habe eine ganze Weile einfach dagestanden und geschaut. Bis dir klar wird, warum sie an diesem Bau seit über hundert Jahren weitermachen.

Die orange-rote Fensterwand im Inneren der Sagrada Família
Die warme Seite. Gegenüber ist alles blau und grün.
Barcelonas Dächer in der blauen Stunde, dahinter die angestrahlte Sagrada Família
Und abends steht sie einfach über der Stadt.

Und weil ich mir den Tag einmal richtig einteilen wollte, folgte zum Abschluss der Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe. Nach Gaudís Überschwang wirkt der wie ein tiefer Atemzug: ein flaches Dach, eine Wand aus Onyx, ein Wasserbecken, in dem sich alles noch einmal spiegelt.

Das Wasserbecken des Barcelona-Pavillons mit der Skulptur «Der Morgen» von Georg Kolbe
Georg Kolbes «Morgen», und die Sonne spielt mit.
Innenraum des Barcelona-Pavillons mit Onyxwand und Barcelona-Chair
Die Onyxwand – ein einziger Block, in Scheiben gesägt und gespiegelt.
Grüner Marmor und Glas im Barcelona-Pavillon
Mehr braucht es nicht: Stein, Glas, Wasser, Licht.

Zwei Extreme derselben Stadt, an einem einzigen Nachmittag. Besser lässt sich Barcelona kaum zusammenfassen.

Sonntag: allein auf den Montserrat

Am vierten Tag zog es mich raus aus der Stadt, hinauf auf den Montserrat. Solo, ohne Gruppe, ohne Zeitplan – nur ich und ein Berg, dessen zerklüftete Felsnadeln aussehen, als hätte jemand eine Orgel aus Stein gebaut und dann vergessen, sie zu stimmen.

Die Felsnadeln des Montserrat über dem Kloster
Die Orgel aus Stein. Gestimmt hat sie nie jemand.

Ich bin weitgehend zu Fuss hoch. Und irgendwo unterwegs, zwischen Schweiss und Aussicht, kam der Moment, für den man solche Umwege macht: Unter mir lag das Tal im Dunst, über mir kreisten die Vögel, und um mich herum war es so still, dass ich das eigene Blut hören konnte.

Oben stehen Häuser, in denen früher Nonnen und Mönche lebten. Heute dienen sie als Museum. Es hat etwas Eigenartiges, durch Räume zu gehen, die für ein Leben in Abgeschiedenheit gebaut wurden – und in denen heute Leute wie ich mit Wanderschuhen und Wasserflasche herumstehen.

Zurück in Barcelona liess ich den Tag auf einer Rooftop-Bar ausklingen. Etwas zu essen, die Stadt unter mir, das Licht langsam warm werdend. Man muss die guten Abende nicht immer kompliziert machen.

Flamenco, menschliche Türme und ein letzter Blick aufs Meer

Einen Abend hatte ich mir für etwas Traditionelles reserviert: eine Flamenco-Show im Tablao de Carmen, kombiniert mit einem hervorragenden Abendessen und passender Weinbegleitung. Flamenco live ist etwas anderes, als du erwartest. Das ist kein hübscher Tanz mit Kastagnetten, das ist kontrollierte Wut. Absätze, die den Boden bearbeiten wie ein Handwerker sein Werkstück, und eine Stimme, die klingt, als hätte sie schon zu viel gesehen.

Flamenco-Tänzerin mit gelbem Fransenschal, dahinter der Sänger
Tablao de Carmen. Der Schal fliegt, der Boden bebt.

Dazu kam ein Glücksfall, den man nicht buchen kann: Ich geriet zufällig in eine Vorführung der Castellers, dieser menschlichen Türme, für die Katalonien berühmt ist. Menschen klettern auf Menschen, Reihe um Reihe, bis zuoberst ein Kind hinaufsteigt und die Hand hebt. Der ganze Platz hält die Luft an. Ich auch.

Castellers bauen einen menschlichen Turm vor einer Zuschauermenge
Und ganz oben klettert ein Kind hinauf.

Für den letzten Tag blieb mir ein halber. Gepackt hatte ich frühmorgens, um 12.00 Uhr checkte ich pünktlich aus und liess die Koffer im Hotel zwischenlagern – mein Flug ging erst am späten Abend. Also nutzte ich die geschenkten Stunden für Souvenirs und für jene Ecken, die ich bis dahin ausgelassen hatte. Zwei, drei Stunden ziellos durch Gassen laufen, ohne etwas abhaken zu müssen: Das ist vielleicht die ehrlichste Art, eine Stadt kennenzulernen.

Enge Gasse mit einem Fächerladen und Bänken davor
Souvenirs, ohne Souvenirladen-Gefühl.
Blühender Jacarandabaum in Violett vor einer Fassade
Im Juni blüht der Jacaranda – und dann ist er auch schon wieder weg.
Der Palast des MNAC auf dem Montjuïc mit der Brunnentreppe davor
Der Montjuïc, zum Abschied noch einmal in voller Breite.

Den Schluss machte ich am Strand. Sand, Meer, und dieses leise Bedauern, das sich immer dann meldet, wenn eine Reise gut war.

Barcelona hat mir beides gezeigt: das Moderne und das Traditionelle, den Beton und den Flamenco, Mies van der Rohe und die Mönchszellen auf dem Berg. Und dazu einen Arm, der ein Stück fertiger ist als vorher.

Nur eben – noch nicht ganz. Aber das ist ja der Grund, wiederzukommen.

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